Baden-Baden: Der Rosenkavalier

„Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss im Festspielhaus Baden-Baden – 30. März 2015

SCHLICHTE UND TRISTE BILDER

Brigitte Fassbaenders „Rosenkavalier“ am 30. März 2015 im Festspielhaus/BADEN-BADEN

Baden-Baden: Der Rosenkavalier. Schlichte und triste Bilder. Aus dem Riesenensemble besonders zu erwähnen sind noch die (...) Kellner (Thomas Reisinger, Nenad Marinkovic, Boris Lichtenberger, Max Sahlinger (!)), der Hausknecht (Kiril Chobanov) sowie die acht robusten Lerchenauer (...)“ Alexander Walther, Online Merker 30.3.2015

Ganze Kritik:

Ganz auf den Ochs von Lerchenau zugeschnitten ist diese Neuinszenierung von Brigitte Fassbaender, die ja selbst als Octavian jahrelang Triumphe feierte. In schlichten Bühnenbildern von Erich Wonder und modernen Kostümen von Dietrich von Grebmer fällt der Blick des Betrachters sofort auf die Stadt Wien aus der Vogelperspektive, ein Garten macht diesem visuellen Eindruck dann Platz. Im Lichtkegel meint man eine Madonna zu erkennen, der auf dem Krankenlager ruhende Ochs von Lerchenau wird mit dem Bildhintergrund einer Krankenhausstation sichtbar. Aus der Abstraktion des Bühnenbildes erwächst hierbei das konkrete Geschehen. Wonders Bühnenbild besteht aus hintereinander gestaffelten gemalten Schleierwänden, die transparent sind und eine große Tiefe entwickeln. Zuletzt verwandelt sich eine Fabrikhalle in eine Schneelandschaft mit untergehender Sonne. Peter Rose kann mit voluminösem Bass als Ochs von Lerchenau die gesamte Bühne ausfüllen. Wenn sich dann der Octavian als „Mariandel“ verkleidet hat, stellt Brigitte Fassbaender Ochs von Lerchenau als spitzbübischen Voyeur dar, der sehr gerne zusieht, wie zwei Frauen intim miteinander umgehen. Die Rolle scheint ihm auf den Leib geschrieben zu sein, er geht darin auf. Eine gesangliche Offenbarung ist aber auch die vorzügliche Anja Harteros als Feldmarschallin, die sich stimmlich vor allem gegen Ende hin noch einmal gewaltig steigert. Man kann den Zauber ihrer Liebesnacht mit dem jungen Grafen Octavian Rofrano gut nachvollziehen, dem Magdalena Kozena ein verführerisches Timbre verleiht. Satirische Blitze zucken auf, als sich Octavian vor den neugierigen Lakaien verstecken muss. Das ist Brigitte Fassbaenders Stärke: Den Blick hinter die Seelenlandschaft der einzelnen Figuren zu werfen und sie in ihrer ganzen Hilflosigkeit zu zeigen. Dies beweist in vergnüglicher Weise auch der unsanfte Zusammenstoß des Barons Ochs von Lerchenau mit dem als „Zofe Mariandel“ verkleideten Octavian. Ochs möchte hier ultimativ Sophie heiraten, die von Anna Prohaska mit strahlkräftigen Spitzentönen verkörpert wird.

Im zweiten Aufzug wirkt die berühmte feierliche Rosenüberreichung von Octavian an Sophie recht schlicht und trist. Aus Schüchternheit bricht Octavian die Aktion vorzeitig ab. Auch hier stimmt wieder die psychologische Personenführung, auch wenn man mit dem Bühnenbild nicht immer zufrieden sein kann. Wie entsetzt Sophie schließlich über das rüde Benehmen des Ochs von Lerchenau ist, kommt drastisch zum Vorschein. Sie möchte der bevorstehenden Ehe mit dem Tölpel unbedingt entfliehen. Octavian erklärt Ochs, dass sie ihn nicht heiraten wolle. Der anschließende Skandal gerät zum witzigen Höhepunkt dieser Inszenierung: Der einfältig wirkende Baron wird von Octavian verletzt und lamentiert lauthals. Von der „Zofe Mariandel“ wird der Schwerenöter schließlich in eine Falle gelockt. Den Aufruhr dieses „Skandals“ inszeniert Brigitte Fassbaender in köstlicher Weise, da gerät auf der Bühne wirklich alles aus den Fugen und außer Rand und Band. Verkleidung, Verkennung und Belauschung lassen die Handlung in derben, tollen und gewagten Auftritten über die Bühne wirbeln. Das tiefe dichterische Thema der Vergänglichkeit, der Zeit und des Verzichts leuchtet dennoch geheimnisvoll hervor. Den Zauber der Rokoko-Zeit einer Kaiserin Maria Theresia beschwört Brigitte Fassbaender hier aber nur sehr versteckt. Manche Details werden verändert. So sieht man alle Beteiligten des Levers der Marschallin viel früher ankommen. Die Modistin und der Lakai haben sogar einen kleinen Flirt. Die Nebenfiguren haben auch ihre Rechte und ihre besondere Biographie. Der Familien-Haushalt verbündet sich mit Sophie, damit sie sich von Ochs befreien kann. Sehr ironisch wird es auch im dritten Aufzug, als die beiden italienischen Intriganten Valzacchi und Annina (ausdrucksstark: Stefan Margita und Carole Wilson) zusammen mit Octavian den Schausplatz für jenes Treffen vorbereiten, bei dem Baron Ochs vom reichen Neugeadelten Faninal (vorzüglich undurchsichtig: Clemens Unterreiner) in flagranti erwischt werden soll. Ochs‘ Ruf nach der Polizei erfolgt hier ultimativ – denn Annina tritt auch noch als jammernde Ehefrau auf den Plan. Vor der Polizei (facettenreich: John In Eichen) gibt er „Mariandel“ als seine Braut aus, wobei die Lüge entlarvt wird. Hier erreicht die Inszenierung von Brigitte Fassbaender bewegungstechnisch ihren Höhepunkt. Der ungeheure Aufruhr ebbt auch nicht ab, als das würdevolle Erscheinen der Marschallin (die von Ochs zu Hilfe gerufen wurde) die Peinlichkeit der Situation auf die Spitze treibt. Ochs erhofft sich von ihr polizeiliche Fürsprache, möchte die Zofe aber verbergen. Die Marschallin verzichtet schließlich und die Konfliktsituation löst sich, nachdem Ochs von Sophie bloßgestellt wurde. Auffallend ist bei dieser Inszenierung, dass gerade die Situation sich in der Schluss-Szene auch musikalisch noch einmal gewaltig steigert.

Sir Simon Rattle vollbringt hier mit den Berliner Philharmonikern wahre Klangwunder. Mozarts und Wagners Vorbilder sind immer wieder herauszuhören. Melodische Kraft und dynamische Kontraste ergänzen sich hier ideal, aber auch die Eleganz der instrumentalen Detailarbeit ist völlig ohne Vergleich. Strahlender Glanz und zarte Tönungen vereinen sich zu einem Kosmos der verschiedensten Stimmungen, was gerade auch beim Auftritt des Sängers (famos: Lawrence Brownlee) besonders positiv auffällt. Dass diese Komödie für Musik vor allem auch ein Ensemblewerk ist, kommt bei der Aufführung sehr gut zur Geltung. Da finden sich viele Mosaiksteine zusammen – vor allem beim berühmten Terzett der drei Frauen im Schlussakt. Auch die Duette der Liebenden arbeitet Sir Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern immer wieder mit leidenschaftlicher Emphase heraus. Der geniale Melodiker Richard Strauss kommt so voll zu seinem Recht. Nie aufdringlich wird aber auch die Walzerseligkeit gestaltet, viele Orchesterstimmen klingen hier sehr durchsichtig und geraten immer wieder in fließende Bewegung. Die Berliner Philharmoniker verhelfen vor allem der „unendlichen Melodie“ voll zu ihrem Recht. Und die von Strauss selbst so bezeichnete „Nervenkontrapunktik“ zeigt hier immer wieder neue Facetten und Nuancen. Differenzierte Klangflächen werden mit psychologischen Finessen aufgefächert. Strauss‘ Neigung zum Prunkhaften und Pompösen überzeichnet Sir Simon Rattle keineswegs, sondern lässt auch dezente Stimmen sprechen. Das alles zerfranst sich nicht in kurzatmigen Motiven, sondern imponiert mit greifbaren plastischen Themen. In weiteren Rollen überzeugen hier Irmgard Vilsmaier als Jungfer Marianne Leitmetzerin, Thomas Michael Allen als Haushofmeister der Feldmarschallin und Wirt, Kevin Conners als Haushofmeister bei Faninal, Martin Snell als Notar, Tamara Banjesevic als Modistin, Moritz Kallenberg als Tierhändler und Sonja Saric, Felicitas Brunke und Susanne Kreusch als drei adelige Waisen. Aus dem Riesenensemble besonders zu erwähnen sind noch die Lakaien (Norman Elsässer, Ronald Tettinek, Thomas Reisinger, Kiril Chobanov), die Kellner (Thomas Reisinger, Nenad Marinkovic, Boris Lichtenberger, Max Sahliger), der Hausknecht (Kiril Chobanov) sowie die acht robusten Lerchenauer (Akos Banlaky, Michael Fischer, Christian Lusser, Tomasz Pietak, Manfred Schwaiger, Kerem Sezen, Michael Siskov und Marc Spörri). Ausgezeichnet agieren auch der gesanglich bewegliche Philharmonia Chor Wien (Einstudierung: Walter Zeh) sowie die Mädchen des Cantus Juvenum Karlsruhe (Einstudierung: Anette Schneider). Alles in allem ist es also eine gelungene Produktion, deren Stärke aber eindeutig im Bereich der psychologischen Charakterzeichnung der Figuren und weniger in der Ausstattung liegt. Vor allem für die von Anja Harteros überwältigend dargebotene Feldmarschallin gab es einhelligen Publikumsjubel.

Alexander Walther